Vom Juweliersohn zum “Diamantenkönig“: Harry Winston machte das Entdecken, Neuinszenieren und Zeigen von Edelsteinen zur Kunst. Ein Erbe, das bis heute prägt und das Haus leuchten lässt.
“Diamonds are a girls best friend” mag wie eine viel bemühte Einleitung klingen, wenn es darum geht, Geschichten über Juwelen zu erzählen. Davon abgesehen, dass einige der Weisheiten, die Marilyn Monroe in besagtem Titel ins Mikrofon haucht, bei aller Emanzipation vielleicht auch heute noch ihre Gültigkeit haben, gibt es wohl aber kein anderes Zitat, das die Atmosphäre der Ära in der Harry Winston erfolgreich wurde, besser heraufbeschwören könnte. Zumal Marylin Monroe als echte Zeitgenössin Winstons und Ikone des von ihm so geschätzten Glamour Hollywoods, den legendären Juwelier in ihrem Lied direkt anspricht: “Talk to me, Mr Winston, tell me all about it.” Man darf annehmen, dass es kaum etwas gab, das dieser lieber getan hätte. Denn wenn eines überliefert ist, dann dies: Harry Winston teilte seine uneingeschränkte Leidenschaft für Diamanten mit unverhohlener Begeisterung. Zweifellos ein wesentlicher Grund, warum sein Name auch heute noch in einer Reihe steht mit den anderen unsterblichen Juwelenhäusern, die Monroe in ihrer Ode an die funkelnden Hochkaräter aufzählt.

Doch die Geschichte des prestigeträchtigen Unternehmens beginnt bescheiden. Geboren als Harry Weinstein Ende des 19. Jahrhunderts in New York, verbrachte er als Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine seine Kindheit in dem kleinen Schmuckladen seines Vaters. Hier sollte er erste Erfahrungen mit dem Geschäft sammeln und sein Gespür für Edelsteine entwickeln. Der klassische amerikanische Traum beginnt früh Formen anzunehmen: Der Legende nach erkennt der erst zwölfjährige Harry in einem Trödelladen unter allerlei Modeschmuck einen echten Smaragd, erwirbt ihn für wenige Cent und verkauft ihn Tage später für 800 Dollar. Der Blick für verborgene Schätze soll zum Kern seines späteren Erfolgs werden.
Kaum dem Elternhaus entwachsen, gründet Winston mit Anfang zwanzig seine erste Firma im Diamantenhandel. Mangels ausreichender Mittel, um große Edelsteine zu kaufen, verlegte er sein Augenmerk auf Nachlässe der High Society, in denen häufig Sammlungen altmodischen Schmucks aufgelöst wurden. Erfolgreich macht er so vielversprechende Steine ausfindig, befreit sie aus ihren aus der Mode gekommenen, schweren Fassungen, lässt sie neu schleifen und in zeitgemäßer Form wieder auferstehen, bevor er sie wieder verkauft. 1932 dann beginnt er schließlich unter seinem Namen eigene Schmuckstücke zu fertigen – die Geburtsstunde von “Harry Winston – Rare jewels of the world”.


Die Design Codes sind von Anfang an klar definiert: Harry Winston inszeniert Edelsteine. Fassung und Ausrichtung von Diamanten müssen stets so angelegt sein, dass ihr Lüster und Funkeln prominent zur Geltung kommt – mit möglichst wenig sichtbarem Metall. Besonders klar umgesetzt ist diese Maxime in der mittlerweile ikonischen Winston Cluster Kollektion, entstanden in den 40er-Jahren mit einer bis heute kaum zu imitierende Fassungstechnik, bei der die unterschiedlich geschliffenen Diamanten wie zufällig zueinander angeordnet sind und auf der Haut zu schweben scheinen.

Winstons Erfolg und seine Leidenschaft für Diamanten und Farbedelsteine bedingen sich gegenseitig. Er sucht und findet, kauft und verkauft die bedeutendsten Steine der Welt. Erwirbt die imposantesten Rohdiamanten seiner Zeit, lässt sie nach New York bringen, schleifen und in funkelnde Juwelen verwandeln. Er will alle berühmten Diamanten der Geschichte besitzen und schafft eine Sammlung, mit der – laut dem Time Magazine – nur die Britische Royal Family mithalten kann. Sie soll ihm den Titel “King of Diamonds” einbringen – so bezeichnet ihn 1947 die amerikanische Cosmopolitan. In einer Anspielung darauf stellt Winston eine Auswahl seiner wichtigsten Steine in der Wanderausstellung «Court of Jewels” zusammen, nicht nur um den Verkauf zu fördern und mit den Eintrittsgeldern wohltätige Zwecke zu unterstützen, sondern vor allem um seine Faszination mit Diamanten mit einer breiteren Öffentlichkeit teilen zu können.
Den wohl berühmtesten seiner historischen Steine, den tiefblauen Hope-Diamant, der in seiner mehr als 350 Jahre alten Geschichte weniger Hoffnung als Unglück bewirkt haben soll, schenkt Winston 1958 dem Smithsonian Museum in Washington. Der einzigartige 45-Karat große Stein ist bis heute Mittelpunkt für die berühmte geologische Sammlung des Naturkundemuseums – mehr als 100 Millionen Besucher sollen den Hope-Diamanten dort gesehen haben. Und auch heute inspiriert der Edelstein immer wieder neue Designs, bei denen blaue Diamanten im Zentrum stehen.

Gleichzeitig erkennt Harry Winston früh die Macht der medialen Inszenierung. Lange bevor „Red Carpet Dressing“ zum festen Bestandteil der Modeindustrie wurde, stattet er als “Jeweler of the Stars” Hollywood-Größen mit seinen Kreationen aus. Seine Juwelen werden sichtbar – auf Premieren, bei Preisverleihungen, im Film. Und Hollywood erweist ihm im Gegenzug – wie eingangs erwähnt – die Ehre und setzt ihm im Film “Gentlemen prefer Blondes” mit den Worten Marylin Monroes schon zu Lebzeiten ein Denkmal.
Auf die Expansion nach Europa erfolgt im März 1960 der Umzug des Unternehmens an die Fifth Avenue 718 um den wachsenden Platzansprüchen gerecht zu werden. Die legendäre Adresse – bis heute Flagship-Boutique und Stammsitz des Unternehmens – inspiriert einige der Klassiker der Kollektion, ebenso wie die Stadt selbst. Die Formen New Yorks – seine Architektur, Symbolik, selbst die Graffitis der Metropole – finden Eingang in zahllose Designs und gehören zur DNA des Unternehmens, wie die Person Harry Winstons selbst.
Nach seinem Tod 1978 übernehmen zunächst die beiden Söhne, Ronald und Bruce Winston, das Unternehmen. 1989 erfolgt der erfolgreiche Einstieg in die Uhrmacherei, ein gewaltiger Schritt, der Schmuckuhren, aber auch komplizierte Zeitmesser mit schweizerischer Präzision und New Yorker Stilelementen hervorbringt. Doch nicht genug, um die anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern über die geschäftliche Führung der Firma zu zerstreuen – sie führen letztlich zum Verkauf des Unternehmens im Jahr 2000. Seit 2013 ist Harry Winston, Inc. Teil der Swatch-Group. Doch das Erbe des außergewöhnlichen Juweliers wird hochgehalten: “Menschen! Drama! Romantik! Edelsteine! Spekulation! Aufregung! Was will man mehr?” In Bezug auf sein Lebenswerk wirkt das Zitat Harry Winstons mehr wie ein Manifest als eine rhetorische Frage. Denn was soll erfüllender sein als die Entdeckung und Inszenierung der wichtigsten Edelsteine seiner Zeit? Ihnen Bedeutung zu geben. Und darüber zu sprechen.
Text von: Friederike Weissbach
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